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Vereinsgeschichte

Turnverein Rheurdt 1883 e. V. – Spiegel der Geschichte

„Durch körperliche Übungen und Abhärtung sollte die Jugend zu Selbstbewußtsein und Härte erzogen werden.“ – Friedrich Ludwig Jahn

Unter diesem Leitgedanken, 1811 von Friedrich Ludwig Jahn geprägt, wurde der Turnverein Rheurdt nach dem Moerser Turnverein 1850 und dem Hornberger Turnverein 1878 im Jahre 1883 als dritter Verein im damaligen Kreis Moers gegründet.

In der Gaststätte Johann Theis fand die Gründungsversammlung statt, in der sich 15 Turnbegeisterte am 27. Mai 1883 ihre „Statuten“ gaben und damit den Turnverein Rheurdt ins Leben riefen. Das erste Protokoll wurde von folgenden Mitgliedern des Turnrates unterzeichnet:

Vorsitzender: Johann Kleinwegen Turnwart: Gerhard Neuhaus Schriftwart: J. Viefers Kassenwart: Engelbert Hoeps Zeugwart: Quademechels

In den folgenden Jahren griff der Turngedanke in Rheurdt immer mehr um sich. Dies zeigt die damalige Beitragsliste. Seit 1885 tagte der Verein im Lokale Deselaers-Brixius. Geturnt wurde auf dem Hof und im Saal. Die erste 100 m-Strecke befand sich auf der heutigen Kirchstraße.


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Der Turnverein im Jahre des 25Jährigen Bestehens (1908)


Bis 1910 wurden die Geschicke des Vereins gelenkt von Johann Arnolds. Unter seiner Führung konnte man im Jahre 1908 das sehr schöne 25Jährige Stiftungsfest feiern. Die Mitgliedschaft im Turnverein setzte ein erfolgreiches Bestehen der sogenannten „Ballotage“ voraus. Der § 4 der Originalstatuten bestimmte, dass sich der Bewerber, der das 18. Lebensjahr vollendet haben musste, an den Turnrat zu wenden hatte. Der Turnrat nahm den Aufnahmeantrag an und brachte Vor- und Zuname des Bewerbers zum Aushang im sogenannten Turnsaal für einen Zeitraum von 2 Wochen, so dass alle anderen Mitglieder davon Kenntnis nehmen konnten. Danach hatte sich der Bewerber der Ballotage zu unterwerfen, die monatlich, gewöhnlich am ersten Turntage im Monat, abgehalten wurde. Aufgenommen war der Bewerber, wenn sich mindestens 2/3 der Mitglieder für seinen Vereinseintritt aussprachen. Abgestimmt wurde durch die Abgabe von weißen Bohnen (Zustimmung) und von schwarzen Bohnen (Ablehnung). Von 1910-1923 leitete Jacob Schürmanns den Verein. Er hatte eine schwere Aufgabe, bedingt durch die Kriegswirren von 1914 bis 1918. Der Verein wies zu diesem Zeitpunkt nur noch 10 aktive Mitglieder aus. Alle anderen aktiven Mitglieder waren zum Kriegsdienst einberufen worden. Nach dem Krieg wurde wieder neu angefangen. Diese Anfänge wurden durch immer neue Einquartierungen belgischer Besatzungstruppen im Turnsaal gestört und durch nicht erteilte Genehmigungen der Besatzer mehrfach unterbrochen. Trotz dieser Verbote herrschte eine rege „Untergrundtätigkeit“. In heimlich abgehaltenen Übungsstunden wurden Turner auf Wettkämpfe – so das Bezirkssportfest in Kempen – vorbereitet und konnten dort sogar zu Siegen beglückwünscht werden. Im Jahre 1919 konnte, nach Abzug der belgischen Truppen, wieder ein geordneter Turnbetrieb aufgenommen werden. Turnwart Tillmann Brixius widmete sich besonders den jungen Turnern. Dies verfehlte seine Wirkung nicht und nach kurzer Zeit konnte er wieder mit einer starken Riege aufwarten. Das Protokoll der Jahreshauptversammlung vom 31.12.1919 spricht bereits wieder von einer Zahl von 35 aktiven und 51 passiven Mitgliedern. Theodor Huppers wurde am 5.5.1923 an die Spitze des Vereins gewählt. Die Generalversammlung setzte mit der Neuwahl des 1. Vorsitzenden den Mindestjahresbeitrag auf 500 Mark fest. Außerdem unterstützte sie den damals sehr bekannten Langstreckenläufer Bernhard Gilsing, der oft erfolgreich die Farben des Vereins vertreten hatte, mit einer finanziellen Beihilfe zum Kauf von „Nagelschuhen“. Ergebnis der Sammlung für diese Schuhe: 28.117 Mark. An der Höhe dieser Beträge ist zu erkennen, dass der Verein, nach überstandenem l. Weltkrieg, nun mit der Inflation zu kämpfen hatte. Wie stark die Geldentwertung sich im Verein bemerkbar machte, zeigen folgende Auszüge aus den Protokollen: 1. September 1923 Die Beiträge sollen in Zukunft freiwillig sein. Die Mindestgrenze ist 5.000 Mark. 6. Oktober 1923 Der Mindestbeitrag wurde auf 100.000 Mark festgesetzt. 2. November 1923 Mitglieder unter 20 Jahren zahlen 1.000.000 Mark. 1. Dezember 1923 Der Mindestbeitrag wurde auf 50 Milliarden Mark festgesetzt. Strafgelder: Zu spät erscheinen 10 Milliarden Fehlen mit Entschuldigung 20 Milliarden Fehlen ohne Entschuldigung 400 Milliarden. Am 2.2.1924 reduzierten sich die Summen wieder auf den Stand der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. So waren für die Mitgliedsaufnahme 3,00 Mark und ein monatlicher Beitrag von 20 Pfennig zu entrichten. Im Jahre 1926 übernahm Heinrich Delhees die Führung; ab 1928 leitete Gottfried Blauels den Verein. In diesem Jahre besuchte erstmals eine Abordnung des Vereins ein Deutsches Turnfest, das damals in Köln veranstaltet wurde. Am Pfingstmontag des Jahres 1933 wurde mit einer großen Mitgliederschar das 50jährige Stiftungsfest gefeiert.


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Gruppenfoto der Mitglieder Der Turnverein im Jahre des 50Jährigen Bestehens (1933)


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Umzug Umzug in Höhe der Gaststätte Brixius


Jakob Spütz wurde 1938 zum Vorsitzenden gewählt. Erstmals ist in der Jahreshauptversammlung vom 22.1.1938 die Rede von der Sportplatzfrage, die (Zitat) „in der nächsten Zeit wohl gelöst sein würde“ (Zitatende). In diesem Jahre wurden neben dem Turnen und der Leichtathletik auch die Bereiche Schwimmen und Handball in die Angebotspalette des Vereins aufgenommen. Außerdem wurde, da der DJK Rheurdt – heute Spielverein Rheurdt – aus politischen Gründen die sportliche Betätigung untersagt worden war, eine Fußballabteilung gegründet. Nicht zuletzt aus diesem Grunde bemühte sich der Verein, ein geeignetes Gelände für einen Sportplatz zu finden. Verschiedene Möglichkeiten wie z. B. eine Wiese des Bauern Maas, waren in Betracht gezogen worden, mussten jedoch wegen diverser Schwierigkeiten wieder fallengelassen werden. Schließlich wurde ein Gelände, das die Gemeinde Rheurdt hinter der Schule in Rheurdt angekauft hatte, dem Verein zur Verfügung gestellt. Hier wurden bereits Arbeiten an den Wettkampfstätten ausgeführt, als im Jahre 1939 Rheurdt vom Kriegsgeschehen des II. Weltkrieges erfasst wird. Während der Zeit vom 1939 bis 1 946 ruht der Turnbetrieb. Nach dem Krieg war es schwer, wieder anzufangen. Der neue Vorsitzende Erich Bendgens und der Oberturnwart Tillmann Brixius versuchten, im Jahre 1946 wieder Leben in den TV zu bringen. Da der ursprüngliche Turnsaal zerstört war, erstreckte sich die körperliche Ertüchtigung zunächst auf das Handballspiel und die Leichtathletik. Die Wettkampfstätten befanden sich damals auf dem Marktplatz, die Sprintstrecke auf dem Burgweg. Die Wiederbelebung des Vereins und das Aufleben des Turnsports in Rheurdt begannen mit einem Antrag auf Zulassung von 2 Jugendgruppen, den Erich Bendgens an die Britischen Militärbehörden in Moers richtete. Die Zulassung wurde am 17.12.1946 erteilt und ist im Original erhalten. In einer zweiten Urkunde gleicher Aufmachung wurde auch die Zulassung einer Mädchengruppe für das Alter von 14-18 Jahren erteilt. Weitergehende Zugeständnisse der Militärbehörden ermöglichten im Jahre 1947 die Aufnahme des Turnbetriebes im Saale Gilbers, wo Johann Saris und Bernhard Kisters mit übriggebliebenen und instandgesetzten Turngeräten das Turnen wieder ankurbelten. Durch Vorturner der Kreisriege des Turngaues Moers wurden die aktiven Turner immer wieder zu höheren sportlichen Leistungen gebracht. Die Gage der „Trainer“ bestand dann aus einem deftigen Abendessen.


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Die Zulassung der Britischen Militär-Regierung vom 17. Dezember 1946


Der 15. April 1947 war ein denkwürdiger Tag für den Verein. An diesem Tage beschloss die Gemeindevertretung, dem Verein ein Gelände unterhalb der Turmwindmühle in Rheurdt für die Errichtung eines Sportplatzes zu verpachten, und zwar für 15 Jahre. Pachtpreis war damals 50 Reichsmark, der sich auf Antrag des Vereins 1949 zu einer Anerkennungsgebühr von 5,- DM reduzierte. Auf der einen Seite waren die Turner froh, nach jahrzehntelangen Bemühungen nun endlich ein Gelände zu bekommen. Auf der anderen Seite übertrug man dem Verein durch diesen Beschluss der Gemeinde eine Mondlandschaft, deren Umwandlung zu einem gebrauchsfähigen Sportplatz den Verein vor ernste Probleme stellen sollte. Als erstes galt es, neben der Arbeitskraft eines jeden einzelnen Vereinsmitgliedes Geräte zu beschaffen, durch die größere Erdmassen bewegt werden konnten. Nur, für Geld waren diese Großgeräte wie Kipploren, Schienen usw. nicht zu bekommen. Denn stärker als die Reichsmark waren damals die Kompensationsgüter. Der Turnverein war zu dieser Zeit in der glücklichen Lage, in der Person des stellvertretenden Vorsitzenden und Metzgermeisters Johannes Heymanns ein Organisationsgenie für solche Kompensationsgeschäfte in seinen Reihen zu haben. Im Herbst 1947 schaffte er durch Tauschen von Speck und Wurst sogar einen Bagger auf die Baustelle, der die gewachsenen Erdmassen auflockerte, die die Vereinsmitglieder unter Zuhilfenahme von Loren und Schaufeln zu planieren hatten. Trotz guten Willens, bester Vorsätze und vieler helfender Hände ließ jedoch nach anfänglich gutem Vorankommen nach einer Bauzeit von fast 6 Jahren der Arbeitseinsatz der Mitglieder so stark nach, dass sich die Vereinsführung zu drastischen Maßnahmen veranlasst sah, um die Fertigstellung des Platzes zu sichern. Es wurde sogar erwogen, von aktiven Vereinsmitgliedern, die durch Krankheit bedingt nicht am Sportplatzbau teilnehmen konnten, die Vorlage eines ärztlichen Attestes zu verlangen.


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Aufforderung Die Aufforderung an die Mitglieder vom 16. Juni 1948


Nach der Währungsreform, als auch Geld wieder Wert hatte, konnte jeder Interessierte für 0,50 DM Bausteine kaufen, um den Platzbau finanziell zu unterstützen. Nach der zwischenzeitlich schleppenden Arbeitsbereitschaft stand dann 1953 das 70jährige Vereinsjubiläum bevor. Mit dem Ziel, den Platz zum Jubelfest fertiggestellt zu haben, wurden die letzten Reserven mobilisiert. Tag und Nacht wurde jetzt an dieser Sportanlage gearbeitet. Am 5. Juli 1953 war das Ziel erreicht! Es waren 23.000 m³ Erde bewegt, die Laufbahnen waren fertiggestellt, Betonpfähle für das Stankett waren einge- setzt, der Rasenplatz und die Sprunggruben standen zur Verfügung. Nach einem Festzug durch den flaggengeschmückten Ort wurde der neue Sportplatz durch Bürgermeister Heinrich Schopmanns seiner Bestimmung übergeben. Am 4. Juli 1954 bestand der Platz mit dem 1. Rheurdter Bergfest seine Feuerprobe bei einem überörtlichen Sportfest. Die Bergfeste wurden ab diesem Jahr mit ständig zunehmender Teilnehmerzahl ausgerichtet. Vom 5. – 7. Juli 1958 feierte der TV Rheurdt unter seinem neuen Vorsitzenden Johannes Mölders sein 75Jähriges Stiftungsfest. Die gutbesuchten Wettkämpfe anlässlich des Stiftungsfestes, der zu diesem Anlass obligate Festzug und der von allen Abteilungen des TV und der Kreisleistungsriege gestaltete Festabend im Zelt verschönerten das Jubiläum.


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Der Turnverein im Jahre des 75Jährigen Bestehens (1958)


Der 26. September 1959 war ein besonderer Festtag für unseren Verein, da an diesem Tage die Turnhalle eingeweiht wurde. Damit konnten endlich die behelfsmäßigen Übungsstätten in Wirtshäusern und in der alten Volksschule verlassen werden. Nachdem die Aktiven die für die damaligen Verhältnisse bestmöglichen Trainingsmöglichkeiten mit dem Sportplatz und der Turnhalle zur Verfügung hatten, belebte sich auch die Wettkampftätigkeit auf regionaler und überregionaler Ebene. Regelmäßig wurden von unseren Sportlern Meisterschaften und Turnfeste, Kinder- und Alterstreffen besucht. Nicht selten konnten unsere Mitglieder herausragende Leistungen und Erste Siege erringen. Immer wieder besuchten die Turner auch die Deutschen Turnfeste in München (1958), Essen (1963), Berlin (1968), Stuttgart (1973), Hannover (1978) und zuletzt Frankfurt/M. (1983). Mit einem Gauturnfest am 30.5.1965 erlebte die neue Mühlenberg-Kampfbahn, in den Jahren 1964/1965 errichtet, ihre erste große Sportveranstaltung. Auch dieser Platz wurde, diesmal von der Gemeinde Rheurdt, in unmittelbarer Nähe der Windmühle angelegt. Durch die Aufschüttungen für die neue Anlage wurde die ehemalige Sportplatzanlage größtenteils überlagert. Die übriggebliebenen Wettkampfstätten wurden noch viele Jahre als Ausweichmöglichkeiten bei größeren Sportfesten genutzt. Auf der einstigen 100 m Geraden befindet sich heute die Tanzfläche des Grillplatzes. Seither diente die Mühlenberg-Kampfbahn als Austragungsstätte vieler Wettbewerbe, die der TV Rheurdt in eigener Zuständigkeit oder als Ausrichter von Kreis- und Verbandsveranstaltungen in den verschiedensten Disziplinen veranstaltete. Hier seien die Volkswandertage und die Straßenläufe über 25 km besonders hervorgehoben. So wie die Aktiven auswärtiger Vereine oft nach Rheurdt kamen, waren auch die Rheurdter Wettkämpfer in der näheren und weiteren Umgebung gern gesehene Gäste. Aus diesem Grunde und wegen des hohen Leistungsstandes der Rheurdter Athleten wurde der TV Rheurdt Mitglied in der am 20.2.1970 gegründeten Leichtathletikgemeinschaft Kamp-Lintfort, der außerdem noch die Vereine SV Alemannia Kamp, TuS Fichte Lintfort, TuS 08 Rheinberg angehörten. Durch die so neugewonnenen Trainingsmöglichkeiten konnten viele Erfolge auf nationaler Ebene und auf Niederrhein- und Kreismeisterschaften verbucht werden. Die Leichtathletikabteilung bekam zu dieser Zeit durch Erfolge auf breiter Front eine neue Motivation. Mit dem Datum des 31.12.1972 wurde die LG Kamp-Lintfort nach dem Austritt des SV Alemannia Kamp aufgelöst. Trotz dieses Rückschlages hielt die Leichtathletikabteilung ihren Leistungsstandard und zog viele Jugendliche an. Zusammen mit den Turnabteilungen war die Vereinsjugend so stark gewachsen, dass 1972 eine Jugendsatzung erlassen wurde, die der Vereinsjugend die Möglichkeit gab, sich selbst zu verwalten. Ihre Belange wurden durch einen Jugendsprecher als Mitglied im Vorstand vertreten. Im Jahre 1978 feierte der Turnverein Rheurdt sein 95Jähriges Stiftungsfest am 9.9.1978. Zu diesem Jubiläum konnte der neue 1. Vorsitzende Ludwig Hoeps viele Gäste im Festzelt auf dem Marktplatz begrüßen. In den vergangenen 100 Jahren ist der Turnverein immer ein fester Bestandteil des Gemeindelebens gewesen. Diese lange Tradition wird uns auch in Zukunft Verpflichtung sein, das sportliche und gesellige Leben in der Gemeinde fortzuführen und zum Ansehen der Gemeinde beizutragen. Wir haben versucht, Vereinsgeschichte aus 100 Jahren in gedrängter Form dem Leser dieser Festschrift zu schildern. Der Platz reicht nicht aus, alle Namen und Ereignisse im einzelnen zu erwähnen. Wenn wir besondere Verdienste und Begebenheiten nicht erwähnt haben, so lagen uns keine Unterlagen vor oder sie sind in Vergessenheit geraten.


Inhalte entnommen aus der Festschrift zum 100-Jährigen Vereinsjubiläum im Jahre 1983